Wir können alles. Sogar Hochdeutsch.

Leben

In Niedersachsen sprechen die Menschen ein Deutsch, das nahezu akzentfrei ist. Sagen zumindest die anderen Deutschen. Dabei kommt das Hochdeutsche ganz woanders her. 

24 Prozent aller Deutschen nennen Hannover, wenn sie gefragt werden, wo das beste Hochdeutsch gesprochen wird. Weitere 14 Prozent sagen: irgendwo in Niedersachsen. Das ergab eine Forsa-Umfrage im Jahr 2020 unter bundesweit 2.004 Befragten.

Hochdeutsch als Fremdsprache 

In Norddeutschland sprachen die Menschen jahrhundertelang Niederdeutsch, landläufig bekannt als Plattdeutsch. Hochdeutsch war keine Muttersprache. Wer Hochdeutsch sprechen wollte, musste es als Fremdsprache lernen. Und wer eine Fremdsprache lernt, eignet sich die Standardsprache an – frei von Akzent oder Dialektfärbung. 

Zeit, ein Missverständnis aufzuklären: Hochdeutsch heißt nicht deswegen Hochdeutsch, weil es im hohen Norden gesprochen wird. Es heißt so, weil es ursprünglich in den höher gelegenen Regionen gesprochen wurde – und damit vor allem in Süd- und Mitteldeutschland. Niederdeutsch, beziehungsweise Plattdeutsch fand dagegen seine Verbreitung dort, wo das Land flach ist.  

Wer auf der Deutschlandkarte etwa bei Düsseldorf von West nach Ost eine Linie durchs Land zieht, kann den niederdeutschen vom hochdeutschen Sprachraum trennen. In der Sprachwissenschaft ist sie als "Benrather Linie" bekannt. Sie markiert den Raum, in dem sich die südlich gelegenen Sprachgemeinschaften weiterentwickelten, indem sich die Konsonanten p, t und k veränderten – die sogenannte Lautverschiebung. Während die Menschen im nördlich gelegenen Raum "Appel" sagten, sagten sie weiter südlich "Apfel". Die Benrather Linie verläuft im äußersten Süden Niedersachsens weitgehend entlang der Grenze zu Hessen und Sachsen-Anhalt zwischen Hannoversch Münden und dem Harz. 

Hochdeutsch: Nützlich und attraktiv für Norddeutsche 

Die Menschen im Norden begannen aus zwei Gründen, Hochdeutsch zu lernen: Es war nützlich und attraktiv. 

Als Martin Luther im Jahr 1522 die Übersetzung der Bibel ins Deutsche abschloss, begann sich mit der Bibelübersetzung auch die hochdeutsche Schriftsprache zu verbreiten. In der Folge gab es zwar auch niederdeutsche Übersetzungen der Luther-Bibel. Die Kirche aber favorisierte die hochdeutsche Bibel-Variante. 

Neben der Kirche setzte sich das Hochdeutsche auch in Politik und Recht mehr und mehr durch. Denn ebenfalls im 16. Jahrhundert verlor die Hanse an wirtschaftlicher Bedeutung – und damit auch die niederdeutsche Sprachgemeinschaft. Gleichzeitig blühten im Süden Zentren wie Nürnberg und Augsburg. Es sind die Regionen, in denen die Menschen Hochdeutsch sprachen. In den Städten des Nordens galt Hochdeutsch deswegen bald als moderner – und wurde schließlich auch zur Standardsprache politischer, juristischer oder kirchlicher Korrespondenz. 

Saterfriesisch: eine Sprache, die nicht aufgibt 

Bevor das Hochdeutsche das Niederdeutsche verdrängte, hatte das Niederdeutsche bereits das Friesische zurückgedrängt. Ein Rest davon ist jedoch bis heute geblieben. 

Im oldenburgischen Saterland – eine kleine Region zwischen Cloppenburg und Leer – sprechen zwischen 1.500 und 2.500 Menschen noch immer Saterfriesisch, eine Variante des Friesischen. Die seltenste Sprache Europas. Seit 1999 offiziell als Minderheitensprache anerkannt, seit 2000 auf zweisprachigen Ortsschildern zu lesen. Die vier Ortschaften Ramsloh, Scharrel, Strücklingen und Sedelsberg haben dabei jeweils ihren eigenen Dialekt. 

Wie Niedersachsen heute wirklich sprechen 

Obwohl die Menschen im heutigen Niedersachsen das Hochdeutsche in seiner Standardvariante gelernt haben und daher keinen hochdeutschen Dialekt sprechen können, ist ihr Hochdeutsch nicht ganz frei von Akzenten. 

Das Niederdeutsch hat seine Spuren hinterlassen – in der Grammatik, in der Tonalität und bei der Verwendung einzelner Wörter. Friesische oder niederdeutsche Lehnwörter wie "Trecker" statt “Traktor” oder “schnacken” statt “sprechen” zeigen: Hier kommt jemand aus dem Norden. Wer “Keese” sagt statt “Käse” fällt ebenfalls auf. Und auch wer sagt, er gehe “nach'm” Supermarkt, wenn er "zum" Supermarkt geht, nutzt nur die niederdeutsche Grammatik mit hochdeutschen Wörtern.  

Das Wort "Moin" könnte ein Überbleibsel von einem plattdeutschen Wendung sein, mit der ein schöner Tag gewünscht wird. Bild: Alexander Kaßner, Tourismus Marketing Niedersachsen GmbH

Weite Verbreitung hat auch die Grußformel "Moin" gefunden, die Niedersachsen und andere Norddeutsche über den gesamten Tag nutzen. Sprachwissenschaftlich ist die Herkunft zwar umstritten. Eine naheliegende Erklärung ist jedoch, dass es sich ursprünglich um die niederdeutsche Variante der Wendung „Einen schönen Tag“ handelt. Denn auch heute nutzen die sprachverwandten Niederländer das Wort "mooi" und meinen damit "schön". Zu einem schönen Tag sagen Niederländer "een mooie dag". Ähnliche Varianten gibt es auch im Plattdeutschen. "Moin" könnte also das Überbleibsel eines solchen Satzes sein.

Sprachwissenschaftler der Leibniz Universität Hannover haben das übrigens bestätigt: Auch Hannoveraner sprechen nicht das reinste Hochdeutsch der Welt, Sie sprechen nur das, was am häufigsten dafür gehalten wird.

Fragen und Antworten über Sprache in Niedersachsen

Warum gilt Hannover als Hochdeutsch-Hauptstadt?

Was ist die Benrather Linie?

Was ist Saterfriesisch – und wo wird es gesprochen?

Spricht man in Niedersachsen wirklich akzentfreies Hochdeutsch?

Wie kam Hochdeutsch überhaupt in den Norden?